Die Geschichte der Obermühle

 

 

Obere Mühle, ca. 1900/1920   Obere Mühle, ca. 1900/1920                    Obere Mühle, nach 1923 Obere Mühle, nach 1923

 

 

Die Obere Mühle ist urkundlich bereits im Jahr 1479 erwähnt worden. Das heutige Domizil der NaturFreunde ist Teil der Durlacher Stadtgeschichte und Beleg für die Jahrhunderte alte Mühlenkultur.

Die Naturfreunde Durlach erwarben das Gebäude 1987 von der Stadt Karlsruhe, nachdem sie ihr ehemaliges Vereinsheim, die "Bergwaldhütte" am Zündhütle, wegen der heranwachsenden Wohnbebauung aufgeben mussten. Feierliche Einweihung des neuen Durlacher Naturfreunde-Hauses war anlässlich des ersten Durlacher Mühlenfestes am 5. August 1990.

Die Obere Mühle wurde zwar erstmals 1479 urkundlich erwähnt, allerdings gibt es keine Belege dafür, dass die Bausubstanz des heutigen Gebäudes tatsächlich noch aus dieser Zeit stammt. Vielmehr verweist das Eingangsportal mit Stabwerkrahmung in das 17. Jahrhundert, während der auf 1753 inschriftlich datierte Schlussstein des daneben liegenden Kellerportals in das 18. Jahrhundert weist. Belegt ist hingegen durch Bauakten, dass die straßenseitige Giebelfassade 1893 wegen Abtragung der Pfinzbrücke erneuert werden musste und dass das Gebäude 1927 straßenseitig um 4 Meter zwecks Ausbau der Alten Weingartener Straße gekürzt wurde und somit wiederum eine neue Giebelfassade erhielt.
Das Naturfreunde-Haus in seiner heutigen Form besitzt 4 nutzbare Geschosse, die ausreichend Platz für die vielfältigen Aktivitäten des Vereins bieten. Hinzu kommt ein Gewölbekeller, den die Naturfreunde heute als Lagerraum nutzen.
Doch bis zum heutigen Tag war es ein weiter Weg. Nachdem die letzten Mieter des Gebäudes, ein in Durlach ansässiger Reifenhandel und zwei Familien, ausgezogen waren, mussten die Naturfreunde bei der Sanierung des ziemlich mitgenommenen Gebäudes, dem man seine bewegte Geschichte nicht mehr ansah, tausende von Arbeitsstunden und viel Geld investieren.
Wichtig dabei war die Wiederherstellung des historischen Mühlencharakters. Es wurden z.B. die ausgebrochenen Fenster wieder zusammengemauert und die Proportionen der Fenster und Türen wieder hergestellt, wie sie zur Zeit des Mühlenbetriebes waren. Der Mühlengang wurde andeutungsweise rekonstruiert. Als Dacheindeckung fanden Biberschwanzziegel Verwendung. Ein mineralischer Besenputz wurde als Außenputz gewählt. Fehlende Sandsteingewände wurden ergänzt und Sprossenfenster eingebaut. Die Sandsteinmauern im Außenbereich wurden ebenso mit alten Sandsteinen wieder ausgebessert.

Die Gedenktafel zur Badischen Revolution und das Mühlenwappen am Gewölbekeller wurden ebenfalls restauriert. Im Hof wurden zwei alte vergrabene Mahlsteine zur Erinnerung an vergangene Mühlentage aufgestellt.
Da die Mühle direkt an der Pfinz liegt, bot sich die Möglichkeit, ein Laufwasserrad nach alter Art wieder zu installieren. Diese Idee wurde schon zu Beginn mit in die Planungen der Naturfreunde einbezogen. Das alte und ruhende Wasserrecht der Obermühle konnte wiederbelebt werden, und es gelang schließlich, eine 40 KW Kleinwasserkraft-Anlage zu bauen. Ein Wasserrad, wie es die Mühle im 18. Jahrhundert besaß, wurde eingebaut. Nach langem Suchen in Archiven fanden die Naturfreunde heraus, dass es sich hier um ein mittelschlächtiges Zuppinger Laufwasserrad gehandelt hatte.

 

 

Die Obermühle war einst eine Getreidemühle, in der die Bauern von Durlach, Hagsfeld und Rintheim ihr Getreide mahlen ließen. Weitere Getreidemühlen waren die Untere Mühle und die Mittelmühle. Von allen Durlacher Mühlen liegt heute nur noch die Obermühle an der Pfinz, die Untere Mühle und die Mittelmühle verloren mit der Verlegung der Bahnlinie zu Beginn des 20. Jahrhunderts und der Pfinzverlegung in den 1920er Jahren endgültig an Bedeutung.

Zeitweise war in der Obermühle auch ein Ölschlag, eine Lederwalke sowie eine Lohstampfe in Betrieb. Im Jahr 1760 hatte sie drei Mahl- und einen Gerbgang mit drei zugehörigen Wasserrädern. Zur Mühle gehörten Nebengebäude, Pferde-, Rinder- und Schweineställe und ein Mühlengarten. Sie war, wie die beiden Schwestern, eine Bannmühle, was bedeutete, dass die Bewohner der zum Amt gehörenden Orte nur in diesen Mühlen mahlen lassen durften. Einige Müller nutzten wohl diese Privilegien aus, in dem sie den Bauern nicht immer die ihnen zustehende Menge Mehl abgaben. Jahrelange Streitereien zwischen den Durlacher Müllern und dem Magistrat der Markgrafenstadt hatten zwischen 1705 und 1770 mehrfach die Anordnung zur Aufstellung von Mehlwaagen zur Folge.
Die Obermühle wurde 1792 in Privatbesitz versteigert. Der bisherige Stadtmüller Johann Rudolf Märker war der erste Besitzer. Vor 1909 ging sie wieder in städtischen Besitz über. Als letzter Durlacher Obermüller ist Anton Reichert erwähnt. Im Jahr 1960, den Zeiten des sogenannten "Mühlensterbens", wurde der Obermühle, wie vielen anderen kleinen Mühlen auch, die Mahlerlaubnis per Gesetz genommen.

Viele weitere kleine Geschichten und Anekdoten ranken sich um die Obermühle, doch am bedeutendsten sind sicherlich die letzten Tage der Badischen Revolution 1848/49. Kanonenkugeln, die in einer Gedenktafel an der Obermühle angebracht worden sind, erinnern an die Schlacht an der Obermühle, wohin sich Teile der Truppen Johann Philipp Beckers zurückzogen, um sich dem Schützenfeuer der preußischen Truppen entgegen zu stellen.
 

 

 

 

DieObermühle in der Badischen Revolution:

 

Die Verteidigung Durlachs – das vorletzte Gefecht

 

Am späten Abend des 24. Juni trifft Johann Philipp Becker mit seinen Einheiten in Durlach ein. Dies waren 1000 Mann, 3 Kompanien der Flüchtlingslegion, 1 Schützenkompanie Heuberger, das Mannheimer Arbeiterbataillon, 1 ½ Kompanien der deutsch-polnischen Legion, sowie einige schwache Abteilungen Offenburger und Pfälzer Volkswehren.

Damit soll er fast ein ganzes Armeekorps aufhalten, denn die Aufklärungspatrouillen melden, dass 3 preußische Divisionen mit rund 13000 Mann auf Karlsruhe und Durlach anmarschieren.

 

Das Städtchen Durlach ist mit Truppen voll gestopft, die ein wirres Durcheinander bilden. Nach den erschöpfenden Märschen der vergangenen tage sucht jeder eine Unterkunft oder wenigstens eine ruhige Ecke. An Biwak ist nicht zu denken; der Boden ist nass, trockenes Stroh und Holz sind nicht zu finden.

 

Schließlich kommen Beckers Leute doch noch notdürftig in Schuppen und Speichern unter. Becker kann sich kaum Ruhe gönnen. Er hat den Befehl, mit seinen Einheiten Durlach solange gegen die anrückenden Preußen zu halten, bis das Gros der Revolutionsarmee über Ettlingen vollständig abgezogen und Karlsruhe von Truppen und Kriegsmaterial geräumt ist.

 

Unter Leitung von Pionieroffizieren aus dem Stabe Beckers werden die nach Bruchsal und Grötzingen führenden Straßen durch Gräben und Barrikaden gesperrt und die Eisenbahnstrecke unterbrochen. Besonders gesichert werden die Brücken, von denen eine die von Bruchsal kommende Allee, die zweite einen Fahrweg von den Wiesen jenseits der Pfinz und die dritte die Eisenbahn über die Pfinz führt. An der mittleren Brücke, nördlich des Ortes, entstehen drei Barrikaden hintereinander.

 

Die Einheiten beziehen die von Becker zugewiesenen Stellungen: am Augustenberg und an der Landstraße von Grötzingen eine Kompanie des Mannheimer Arbeiterbataillons sowie je eine Kompanie Pfälzer und Offenburger Volkswehr; an der Barrikade auf der Straße nach Bruchsal eine Kompanie der deutsch-polnischen Legion; an den drei Barrikaden die Schützenkompanie Heuberger, an der Eisenbahn-
brücke, hinter dem demolierten Gleis, eine Kompanie der Flüchtlingslegion und eine unvollständige Kompanie der deutsch-polnischen Legion; gegen den Wald von Rintheim zwei kleine Bataillone Pfälzer und eine Kompanie der Flüchtlingslegion; zwischen Eisenbahn und Karlsruher Chaussee, als Unterstützungskolonne, eine Abteilung Pfälzer Volkswehr und eine Kompanie des Mannheimer Arbeiterbataillons. Als Reserve werden auf dem Durlacher Markt Pfälzer Volkswehren und eine Kompanie des Mannheimer Arbeiterbataillons zurückgehalten. Den Kampf hinter den Barrikaden leiten hauptsächlich seine Stabsadjudanten.

 

Kaum ist Durlach zur Verteidigung hergerichtet, haben die Truppen ihre Stellungen bezogen, als die Preußen in Sicht kommen. Gegen 12 Uhr verkündet Geschützdonner den Beginn des Gefechts. Vier Kanonen eröffnen das Feuer auf die Stellungen Beckers. Doch die Freischärler empfangen die Preußische Vorhut mit einem heftigen und gut gezielten Büchsenfeuer und lassen den preußischen Angriff stocken.

 

Zu Schützenlinien oder Schützenketten auseinander gezogen, jede Deckung nutzend und gezielt feuernd, führen die Beckerschen Kämpfer ein bewegliches Tirailleurgefecht. Auf der rechten Flanke, östlich der Chaussee, geht die Kompanie des Mannheimer Arbeiterbataillons, gedeckt durch Obstbäume und Rebstöcke, zur Pfinz vor und nimmt die preußischen Truppen unter flankierendes Feuer. Auch die vor und hinter der Eisenbahnbarrikade aufgestellte Flüchtlingskompanie geht ein Stück vor und greift ins Feuergefecht ein

 

Der hartnäckige Widerstand der Revolutionstruppen veranlasst den preußischen Divisionskommandeur, noch ein Bataillon Landwehr östlich der Bruchsaler Chaussee einzusetzen. Aber die Landwehrleute aus Iserlohn, die sich erst kürzlich ihrer Einberufung widersetzt haben, zeigen wenig Angriffslust. Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen drängt jedoch zum Angriff. Trotz des wirksamen Tirailleurfeuers der Freischärler werden die Landwehrleute von ihrem ehrgeizigen Bataillonschef in geschlossener Kolonne, nur von einer dünnen Schützenlinie gedeckt, gegen die Pfinzbrücke vorgetrieben. In dieser Formation glaubt der Kommandeur die unwilligen und durch Hitze erschöpften Leute besser in der Hand behalten zu können. Das gut gezielte Feuer der Freischärler reißt große Lücken in die dichte Kolonne: 7 Offiziere, 5 Unteroffiziere und 75 Landwehrsoldaten werden getötet oder verwundet.

 

Der "schneidige" Kommandeur, selbst dreifach verwundet, muss das Bataillon wieder aus dem Feuer herausziehen. Nun beschießen die Preußen mit acht Kanonen die Stellungen Beckers und eröffnen ein ununterbrochenes Schützenfeuer, um die Revolutionstruppen niederzuhalten. Dies suchen in der Obermühle Deckung und erwidern das Feuer.

 

Inzwischen haben die Preußen Verstärkung herangeholt. Kräfte der 4. Division rücken im Wald von Rintheim und auf der Karlsruher Chaussee vor und bedrohen die rechte Flanke. Teile der 3. Division marschieren von Grötzingen her gegen die rechte Flanke vor. Becker erkennt die Gefahr, vom einzigen Rückzugsweg nach Ettlingen abgeschnitten zu werden. Er zieht die gegen Karlsruhe und den Wald vorgeschobenen Truppen zurück. Einen Teil davon lässt er am westlichen Eingang von Durlach Stellung beziehen, mit einem anderen Teil verstärkt er die Barrikadenbesatzung nördlich der Stadt. und einen dritten schickt er zur Unterstützung des gefährdeten nördlichen Flügels. Auf der Ettlinger Chaussee stellt er eine kleine Reserve bereit, um den späteren Abmarsch zu sichern.

 

Endlich erhält Becker die erlösende Nachricht: Karlsruhe und Umgebung ist von Truppen und Kriegsgerät der Revolutionsarmee geräumt, die Eisenbahnmaterialien sind weggeführt, die Eisenbahnstrecke ins südliche Baden ist unterbrochen, das Gros der Revolutionsarmee hat den geordneten Rückzug an die Murg angetreten. Becker atmet auf, der Kampfauftrag ist erfüllt, der Zweck des Verteidigungsgefechts erreicht. Kämpfend noch ziehen sich die Freischaren auf die Ettlinger Chaussee zurück. In Ettlingen ordnet Becker seine Truppen und zieht mit ihnen nach Rastatt. In militärischer Ordnung, gehobenen Kopfes und mit Gesang geht´s durch die Stadt. Ihr Stolz ist berechtigt. Unter der Führung Beckers haben kaum 1000 tapfere Revolutionskämpfer in einem fast vierstündigen Gefecht eine ganze Division aufgehalten und sogar das Eingreifen von zwei weiteren herausgefordert. Die preußischen Truppen haben hohe Verluste erlitten: 9 Offiziere und 118 Mann an Toten und Verwundeten. Beckers Einheit hat 50 Mann an Toten und Gefangenen verloren.